Banora, Corinne Andrea


Autorin, Journalistin und Kolumnistin. Stammt aus der Schweiz mit deutsch-italienischen Wurzeln. Sie ist 47 Jahre alt, war über zehn Jahren mit einem Gambier verheiratet und hat mit ihm eine siebenjährige Tochter. Sie lebt wieder in Basel, nach Unterbrüchen im Kanton Aargau, Afrika und während 13 Jahren in der französischen Schweiz in der Nähe von Genf.

Veröffentlichungen:
Musskeeba, Eine Begegnung mit der Polygamie in Afrika ca. 176 Seiten, ISBN 978-3-85990-122-3.
Links: ..\Veröffentlichung Buch Musskeeba.pdf /..\UmBanora.pdf

Vernetzung:
Autorin Schweizerischer Schriftstellerverband, Zürich
Netzwerk schreibender Frauen femscript, WettingenEigene Presse und Medienauftritte:
2005 Mai Bericht Coop-Zeitung
2005 Juni als Gast bei Aeschbacher, SFDRS
2006 September als Gast im Nachtcafé bei Wieland Bakes, SWR
2006 Oktober Bericht in der Basler Zeitung
2007 Oktober, Interview in der Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung und Basellandschaftliche Zeitung..\AZ Interview 30.10.07.pdf

Buchbesprechungen:
Ongoing

Buchbestellungen
Buchhandlungen, direkt beim Verlag oder bei mir selbst: musskeeba@bluewin.ch

Leseprobe:

Leseproben aus »Musskeeba – die Erstfrau» zur Auwahl
Jarra, Dembas Stiefmutter und Mutter von Ebrima, liegt im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sie und andere Familienmitglieder sind aus ihren Dörfern gekommen, um uns einen Besuch abzustatten. Kurz vorher war eine Bekannte der Familie in der Küche und sprach mit Awa. Auch Aissatou ist seit einigen Tagen da, eine junge Cousine von Demba. Sie schläft bei Awa in ihrem Bett. Ich habe Lust auf eine Zigarette. Aber das ganze Haus ist in Beschlag genommen, nirgends eine kleine Ecke, in der ich mich ungestört meinem Laster hingeben kann. Das macht mich wahnsinnig! Ich kann mich nicht mal mehr ins hintere Zimmer verziehen, Aissatou ist überall.
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Aber eine, nur eine hätte ich mir jetzt gerne gegönnt! Die auch immer übermüdete Maimona, die deswegen wieder sehr quengelig ist, macht es mir nicht leichter. Ich bin ein richtiges Nervenbündel geworden und nur mit Mühe kann ich meine Unzufriedenheit zurückhalten. Ich bin wütend auf Sherif, der seine Versprechungen nicht einhält, wütend auf Demba, der immer nur übellaunig ist, wenn er anruft, ich bin wütend auf Afrika, das langsam, unprofessionell, schmutzig, rückständig und unachtsam ist, wütend darauf, dass ich mein Auto nicht fahren kann, wütend darauf, dass ich deswegen immer wieder von anderen abhängig bin, wütend darauf, dass ich nie meine Ruhe habe, wütend darauf, dass alles so viel Zeit in Anspruch nimmt, wütend darauf, dass ich hier nie zu meinem Schlaf komme! Ich bin einfach nur noch wütend!
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Nein - Afrika, du bist nicht mehr ersehnte Erde! Auf seiner roten Erde wollte ich einst leben, zusammen mit Demba. Vielleicht sogar alt werden, ich weiss es nicht mehr. Afrika, das mich verzaubert hat, nach dem ich mich so sehr gesehnt habe. Jetzt bin ich hier, aber warum spüre ich nichts vom einstigen Zauber? Oder war Afrika nur ein Sehnsuchtsort, den ich mir geschaffen habe? Ein solcher ist ja immer anderswo, als man selber ist.
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In der Schweiz dagegen wusste jahrelang niemand, dass ich meinen Ehemann mit einer anderen Frau teile und dass ich Muslimin geworden bin. Nachdem ich zum Islam konvertiert war, vertiefte ich mein Wissen über diese Religion. Allmählich kam ich zur Überzeugung, dass es völlig normal sei, dass ich eine Mitfrau habe. Ich hatte eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit, redete mir ein, dass ich damit klar komme. Die Tragweite einer solchen Beziehung und ihre Konsequenzen bekam ich erst im Laufe der Jahre zu spüren.
**************************************************************************Viele Schweizerinnen erzählen mir, dass ihre afrikanischen Männer keine Kinder möchten, dieses Thema hätten sie vor der Ehe geklärt. Solche Argumente stossen bei mir auf Unverständnis. Wie kann eine weisse Frau ernsthaft glauben, ihr (muslimisch) afrikanischer Ehemann verzichte auf Kinder, wo doch die Familie als das Wichtigste in Afrika gilt? Die Nachkommen bilden die zukünftige Altersvorsorge. Selbst wenn sie ein Kind mit ihm hat, wird ihm das in der Regel nicht genügen. Er möchte mehrere Kinder und darunter muss es selbstverständlich Knaben haben, die als Ernährer das Sorgerecht erfüllen und das Erbe der Familie weitertragen werden. Die meisten Gambier wünschen sich, dass ihre Kinder muslimisch erzogen werden. Das ist in unseren Breitengraden praktisch unmöglich und bräuchte ausserdem das Einverständnis der europäischen Ehefrau. Weisse Kinder sind im Vergleich zu afrikanischen freche Rotznasen, die ihren Eltern widersprechen und ihnen keinen Respekt entgegenbringen. Viele Ehen zwischen Afrikanern und Schweizerinnen scheitern an den Konflikten zwischen einer archaischen und einer liberalen Welt, die meisten bereits an der grundlegend verschiedenen Auffassung von Erziehung: Jedes Gespräch über Erziehung ist auch immer ein Gespräch über Grundwerte, Menschenbilder, soziale Prioritäten. Der Kompromiss des Mannes: Er heiratet eine Frau aus seinem Kulturkreis, selbst wenn er bereits Kinder mit einer europäischen Frau hat und zeugt »muslimische« Kinder.
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Die Fortpflanzung, Reproduktion, Vermehrung, der Nachwuchs, oder wie man es auch immer nennen mag, ist ein wesentlicher Aspekt bei der Eheschliessung in Afrika. Ich persönlich kenne – mit ganz wenigen Ausnahmen - keinen afrikanischen Mann und keine afrikanische Frau, die kinderlos bleiben möchten. Die Heirat ist deshalb in erster Linie zweckgebunden. Das Emotionale ist zweitrangig. Die Liebe hat für Afrikaner einen anderen Stellenwert als für uns in der westlichen Welt. Allerdings wäre es zu eurozentrisch, die Ehe in afrikanischen Gesellschaften als eine rein zweckmässige Verbindung zweier Familien zu sehen.Vielen Frauen hier ist nicht wirklich bewusst, dass die meisten Afrikaner aus wirtschaftlicher Not oder aus politischen Gründen emigriert sind. Nicht wenige unter ihnen stammen aus Ländern, in denen das Pro-Kopf-Einkommen weniger als vierhundert Schweizer Franken im Jahr beträgt und in welchen eine Arbeitslosenrate von über 35 % herrscht. Tausende dieser mehrheitlich jungen Männer sind auf äussert beschwerlichem Wege nach Europa gekommen (meist unter Lebensgefahr) und haben den Schleppern viel Geld dafür bezahlt, manche davon haben sich sogar deswegen hoch verschuldet. Sie sind die einzige Hoffnungsquelle für ihre armen Familien, die auf ihre finanzielle Unterstützung warten. Viele haben schwere Schicksale hinter sich. Unsere Asylpolitik jedoch verbietet ihnen, hier zu arbeiten. Sie müssen heiraten, um eine Arbeits-, beziehungsweise eine Niederlassungsbewilligung zu erhalten. Der Druck ist gross, die Angst, ausgeschafft zu werden, enorm.

Wieder sitze ich auf der Bank unter dem Avocadobaum und schreibe ein wenig; die Kinder geben sich ausgelassen ihrem Spiel hin. Nur die kleine Sira hat Angst, ihr Kleidchen zu beschmutzen. Sie weiss, dass ihre Mutter, Aissatou, sie dann wieder ausschimpft und schlägt. Diese kümmert sich, seit sie ihr zweites Baby hat, kaum noch um das kleine Mädchen. Oft lässt sie das Kind in der Obhut der Nachbarschaft, wenn sie auf den Markt oder sonst wohin geht. Sie gibt Sira einen Kobo, damit sie sich im Bittiko einen Kaugummi kaufen kann. Danach hat sie Ruhe und muss die Tränen ihrer Tochter nicht sehen, wenn sie den Compound verlässt. Die Kleine tut mir leid.Auf dem Weg zurück entdecken meine wachsamen Augen eine junge Gambierin, die hinter einer Düne mit einem älteren weissen Mann offensichtlich Oralsex treibt. Ich werde wütend auf diesen Touristen, der die Armut der Frau ausnutzt und sie in ihrem Land dazu bringt, so etwas zu tun. Wutschnaubend stapfe ich auf die beiden zu.
»N‘ko, bare musso, e ka mune la diang? Njie amam beteyata, n be Haram, n’along? Sein ta!« Sag mal meine Schwester, was tust du hier? Dies ist schlecht, weißt du das nicht? Geh jetzt! Das Mädchen starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich weiss nicht, was sie mehr schockiert: Dass ich sie dabei ertappt habe, etwas Verbotenes, Unanständiges zu tun oder die Tatsache, dass ich in ihrer Sprache spreche und Moral predige, wie es eine gambische Schwester getan hätte. In dem Moment habe ich tatsächlich vergessen, dass ich eine Weisse bin. Wortlos rennt das Girl davon. Den Mann warne ich, funkle ihn mit meinen Augen böse an. Wie ich diese Sextouristen hasse! Als ich mich danach wieder ein wenig beruhigt habe und mit Maimona den Strand zurück zum Palma Rima Beach laufe, denke ich über die junge Frau nach und darüber, wie ich reagiert habe. Was war denn in mich gefahren? Welches Recht nahm ich mir heraus, ihr eine Moralpredigt zu halten?